Wikipedia – Quo vadis?

Nach einem längeren und für mich intensiveren Intermezzo in der deutschsprachigen Wikipedia überlege ich momentan dort die Segel zu streichen und mich sinnvolleren Dingen zuzuwenden – wie etwa diesem Blog.

Ihr fragt euch jetzt sicherlich, warum – oder auch nicht, aber das ist mir jetzt mal egal, denn ich will mich hier auskotzen:

In den letzten Monaten frustriert mich die Arbeit in der Wikipedia enorm. Benutzer und Admins missbrauchen das Schlagwort „Enzyklopädie“ und missachten sowohl das ursprünglich erdachte Konzept als auch Wikiquette und andere Regeln, um den Wissensstand bzw. die Qualität der Wikipedia angeblich zu steigern. Dabei ist es offenbar egal, ob man andere Benutzer sogar beleidigt oder mit Sammellöschanträgen ganze Benutzerscharen in der Löschdiskussion fesselt und blockiert, anstatt mit ihnen eben den Mangel zu beheben.

In meinen Augen beinhaltet das ursprüngliche Konzept von Jimmy Wales folgende Punkte in Bezug auf die Wikipedia:

Die Wikipedia ist …

  • … eine Enzyklopädie, in der Wissen gesammelt, aufbereitet und möglichst frei zugänglich für jedermann abrufbar ist.
  • … ist ein offenes Autorensystem, in dem jeder sein Wissen beitragen kann. Dabei darf jeder Themen recherchieren und dann eben das was er recherchiert hat in die Artikel eintragen.
  • … bietet Platz für alle möglichen Themengebiete. Es gibt dabei vorab keinen Filter, welches Wissen unwichtig ist oder nicht.
  • … benutzt eine Software, die bewusst darauf setzt, dass Inhalte …
  1. … über Jahre(!) hinweg bearbeitet werden können und Artikel so wachsen können. Jeder Autor wird berücksichtigt und ist letztenendes in der Artikelhistorie nachschlagbar.
  2. … nicht mit ihrer selbst endgültig gelöscht werden können. Selbst Dateien, wie Bilder werden nach momentanem Stand bei einer Löschung zunächst nicht endgültig gelöscht, sondern finden sich erst einmal in einem Trash Bin.
  • … ist trotz der eingesetzten Software eine Community: Die Benutzer entscheiden gemeinsam, welche Inhalte sie anbieten wollen und welche nicht.

Im Laufe der Zeit hat sich sicherlich herausgestellt, dass sich die Offenheit der Wikipedia dafür missbrauchen lässt, in dem Firmen werben, Privatpersonen ihr Profil für eine Bewerbung einstellen, jeder 08/15-Spam eingetragen wird oder Webseiten illegalerweise kopiert werden. Aber das alles ist sicherlich kein Grund so rigoros wie derzeit gegen Artikel vorzugehen, die einfach nur neu, alt und länger nicht bearbeitet oder einfach nur unliebsam sind. Die Begründungen „qualitative Mängel“ oder „Fancruft/Wikipedia ist kein Fanzine“ wirken oft nur vorgeschoben, um umstrittene Meinungsbilder oder bereits getroffene, genau gegenteilige Entscheidungen etcpp. nach den eigenen Vorstellungen zu kippen.

Und genau hier krankt die Wikipedia nach meinem derzeitigen Verständnis: Die Administratoren haben selbst zu viel Macht, treffen in Fachbereichen Entscheidungen, von denen sie keine Ahnung haben (und gelten dann als besonders geeignet, weil frei von Vorurteilen) und decken genau diejenigen Benutzer, die Löschanträge besonders wider allen Regeln formulieren.

Das Ergebnis: Autoren werden verscheucht. Anstatt sie als neue Autoren an ein gewisses Niveau heranzuführen, werden ihre frühen Werke möglichst schnell mit Löschanträgen versehen und erleben wahrscheinlich so gleich erst einmal, was ein Bearbeitungskonflikt ist und dass ihre Arbeit nach Ansicht eines einzelnen Nutzers, der offenbar für die ganze Wikipedia spricht, als unbrauchbar abgestempelt wird. (Mal ehrlich, wer hätte da noch Lust überhaupt weiterzumachen?)

Als eine besondere Dreistigkeit empfinde ich Benutzer, die nicht nur der Meinung sind, dass Artikelanfänge im Benutzernamensraum zu stehen haben und erst „fertig“ zu den anderen Artikeln verschoben werden sollten, sondern die sich auch einem bestimmten Teilbereich in der Wikipedia verschreiben – der sogenannten „Eingangskontrolle“ – und dort besonders gehäuft Löschanträge stellen und gerade bei der Entstehung von sinnvollen Artikeln oder Auslagerungen einfach nur stören, nerven und provozieren… Solche Benutzer tragen dann einschlägig provozierende Namen wie „Eingangskontrolle“, „Löschmafia“ oder ähnlich. Dass diese Namen genauso „unbrauchbar“ sind und durchscheinen lassen, dass der Benutzer hinter diesem Nickname eben nicht an einer enzyklopädischen Zusammenarbeit interessiert sind, darauf kommt natürlich kein Admin. Wieso denn auch? Ein Klo- oder Kneipenschläger-Troll der sich mit massenhaften Vandalismus-Aktionen oder Massenregistrierung von Benutzernamen bemerkbar macht ist ja auch viel offensichtlicher als jemand, der einen (Schnell-)Löschantrag in einen Artikel pinnt, der dann gelöscht wird: Dieser Beitrag verschwindet von der Beitragsliste des Benutzers, und kann auch von Admins nur kompliziert eingesehen oder nachvollzogen werden, indem sie jeden einzelnen gelöschten Artikel kontrollieren. Die Verweisliste des Benutzers (also die Liste die anzeigt, welche Seiten auf die Benutzerseite zeigen) kann hier nur sehr begrenzt eingesetzt werden, da (Schnell-)Löschanträge wieder verschwinden, wenn sie entfernt werden oder die Artikel gelöscht.

Damit das klar ist: Gegen berechtigte Löschanträge und auch Schnelllöschungen habe ich nichts, auch nicht wenn diese dann auch etwas ruppiger diskutiert werden. Sehr wohl aber habe ich etwas gegen Störmanöver, die gegen die Wikiquette und eben die Löschregeln verstoßen und Beleidigungen, mit denen andersdenkende Benutzer geschasst werden. Derzeit gibt es meiner Meinung ein klares Missverhältnis bei Artikellöschungen und bei der Themenselektion: Und das ist eben keinesfalls gut für die Wikipedia.

(mehr demnächst – aber auch nur vielleicht)

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Veröffentlicht am 6. Februar 2008 in Frust, Wikipedia und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Wikipedia – Quo vadis?.

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